1937 – 2017: 80 Jahre Gamsgrubenweg und warum es dorthin keine Straße gibt

Gamsgrubenweg

Gamsgrubenweg von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe, links die Hofmannshütte (2 444 m ü. A., Herbst 2016 abgerissen), links oben die Oberwalder Hütte (2 972 m ü. A.)

Kärnten | Hohe Tauern | Großglockner Hochalpenstraße | 15. Juli 2017 | Der Gamsgrubenweg ist ein Naturlehrweg durch ein Sonderschutzgebiet in Kärnten im Glocknergebiet in den Hohen Tauern. Er führt von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe am Endpunkt Gletscherstraße, einer Stichstraße der Großglockner Hochalpenstraße, zum Wasserfallwinkel. Eröffnet wurde er als „Kanzler-Schuschnigg-Weg“ am 28. Juni 1937 von Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg. Eigentlich wollte Hofrat Wallack, der Erbauer der Großglockner Hochalpenstraße, dorthin die Straße verlängern. Aber es kam anders.

Das Gamsgrubenprojekt als Konflikt zwischen der GROHAG und den Alpenvereinen

Bei einem der sechs Tunnels entlang des Gamsgrubenwegs

Noch vor der offiziellen Eröffnung der Großglockner-Hochalpen-Durchzugsstraße vom Fuscher Törl über das Hochtor erklärte das Land Kärnten am 1. Juli 1935 den Bereich um die Pasterze und die Gamsgrube zum Naturschutzgebiet. Auslöser dieser Maßnahme waren fremdenverkehrswirtschaftliche Probleme des Landes Kärnten, das dafür der Großglockner Hochalpenstraßen AG (GROHAG) eine Mitschuld gab. Über diese Unterschutzstellung war der ‚Deutsche und Oesterreichische Alpenverein‘ sehr erfreut, wollte man doch die Erschließung dieser Natur so weit wie möglich verhindern. Dies muss man vor dem Hintergrund sehen, dass die GROHAG Pläne zur Verlängerung der Gletscherstraße entlang der Gamsgrube bis zur Hofmannshütte plante. Von der Hofmannshütte sollte eine Seilbahn hinauf zum Fuscherkar-Kopf errichtet werden. Auch stellte man bei der GROHAG Überlegungen an, eine Seilbahn über die Pasterze und von dort hinauf zur Adlersruhe unmittelbar unterhalb des Großglockner-Gipfels zu bauen.

Im Frühjahr 1935 hatte sich dann der Innsbrucker Botaniker Helmut Gams für den Schutz der Gamsgrube eingesetzt. Der Wiener Zoologe Karl Hollaus unterstützte Gams in einem sehr emotionalen Beitrag in der Alpenvereinszeitschrift. Zum Gegenschlag holte der Befürworter der weiteren Erschließung, Theodor Heinrich Mayer, in der ‚Österreichischen Touring-Zeitung‘ aus. Es kam zu weiteren Veröffentlichungen, die diesem Projekt Autostraße-Seilbahn große Bekanntheit verschaffte.

Bau des Gamsgrubenwegs, Frühjahr 1937 (Bild: Archiv Großglockner Hochalpenstraßen AG)

Wallack und Rehrl planten

Im April 1935 legte Wallack dann in einer GROHAG-Verwaltungsratssitzung eine Detailplanung vor: 2880 m Länge soll die Straße von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe zur Gamsgrube haben, drei große Parkplätze errichtet werden und bis Sommer 1937 könnte alles fertig sein. Theoretisch. Denn weder die Kärntner Landesregierung noch die österreichische Bundesregierung wollten dem Salzburger Landeshauptmann Dr. Franz Rehrl (die treibende Kraft der Projekte in der Glocknergruppe und im Aufsichtsrat der GROHAG vertreten) ihre Zustimmung dazu und Geldmittel geben.

Aber kurz vor der Eröffnung der Straße ließen sich die Politiker doch noch dazu überreden, dass Rehrl die Straße von der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe um 500 m bis zum Freiwandeck verlängern und dort einen Parkplatz errichten dürfe – dem heutigen Endpunkt der Gletscherstraße. Dazu muss erklärt werden, dass die alte und eigentliche Kaiser-Franz-Josefs-Höhe sich eben 500 m vor der heute so bezeichneten befindet und auch höher liegt. Wo genau der Kaiser am 7. September 1856 stand erinnert heute ein Denkmal an dessen Besuch.

Darüber hinaus erhielt Rehrl die Zusage, dass er vom Freiwandeck-Parkplatz die geplante 2 300 m lange Gamsgrubenstraße vorerst einmal als zwei Meter breiten Gehweg ausbauen dürfe

In einem der Tunnels entlang des Gamsgrubenwegs (Bildquelle Großglockner Hochalpenstraßen AG)

28. Juni 1937 wurde der Gamsgrubenweg eröffnet

Zunächst begann Wallack 1936 mit dem Bau der Straßenverlängerung zum und Errichtung der Parkplätze beim Freiwandeck. Die Genehmigung hatte das Handelsministerium bereits im Herbst 1935 gegeben. Im Juli 1936 kam dann auch die Genehmigung zur [Gamsgruben]Wegverlängerung und Wallack begann unverzüglich mit der Anlage des Weges. Dieser wurde dann am 28. Juni 1937 als Promenadenweg zum Wasserfallwinkel von Bundeskanzler Dr. Kurt Schuschnigg eröffnet.

Bereits im Frühjahr 1938 wurde der politischen Entwicklung entsprechend der „Kanzler-Schuschnigg-Weg“ in „Gamsgrubenweg“ umbenannt.

Zwar wurden beide Projekte – Autostraße und Seilbahn – noch weiterverfolgt, auch nach dem Zweiten Weltkrieg, aber es kam aufgrund der starken Proteste der Alpenvereine nicht zu deren Realisierung.

Der Gamsgrubenweg heute

Dieser bequeme kinderwagentaugliche und ohne wesentliche Steigungen (der Höhenunterschied beträgt 200 Meter) Panoramaweg verläuft oberhalb des Gletscherstromes der Pasterze gegenüber des alles überragenden Großglockners.

Am Ende des Weges, nach knapp einer Stunde Wanderung, kann man eine außerordentliche Rarität in den Alpen bestaunen: Gigantische Gletscherschliffe. Das sind auffallend glatte Felsen, die der mittlerweile abgeschmolzene Wasserfallwinkel-Gletscher einst regelrecht poliert hatte. Denn ein Kubikmeter Eis wiegt fast eine Tonne. Ein langsam gleitender Gletscher von zehn Meter Dicke fräst somit den Fels mit fast zehn Tonnen Gewicht je Quadratmeter ab. Der Rastplatz beim Wasserfallwinkel trägt die Bezeichnung „der schönste Jausenplatz Österreichs“, wie eine Hinweistafel verrät.

rechts oben verläuft der Gamsgrubenweg, links unten fließt die Pasterze. Auffallend der Rand dazwischen, der den Höchststand der Pasterze im Jahr 1852 markiert. Aufnahme vom 21. September 2010

Unterhalb des Gamsgrubenweges fällt eine eigenartige Linie auf. Über der Linie erkennt man Bewuchs mit Gras und Blumen, unterhalb nichts als glatten Fels. Diese Linie markiert den Höchststand der Pasterze um 1856, als Kaiser Franz Joseph I. bis zu der nach ihm benannten Höhe aufgestiegen ist.

Blick vom der Gamsgrubenweg, im rechten Teil des Bildes die beiden Glocknergipfel, der Kleinglockner und der Großglockner (unmittelbar nebeneinander), die markante Spitze rechts davon ist das Teufelshorn (3 680 m ü. A.), auf der Grenze Kärnten – Osttirol (© Ewald Garbardi mit Genehmigung zur Verwendung in diesem Reiseblog)

Der Wegbeginn liegt auf 2 369 m ü. A., das Wegende im Wasserfallwinkel auf 2 542 m ü. A. Die Weglänge beträgt 2,43 Kilometer, die durchschnittliche Steigung 7,1 %.

Bergkristall, ewiges Eis und verschwundene Hochalm

Neben dem Besucherzentrum auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe beginnt der Weg, der zunächst durch sechs Tunnels führt. Unmittelbar nach dem Besucherzentrum auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe durchstoßen zwei Stollen von 78 m und 42 m Länge eine aus Grünschiefer bestehende Felsrippe. Die Innenabmessungen der Stollen betrugen im Jahr der Eröffnung 2,50 mal 2,50 Meter.

Im dritten Tunnel wird die Sage des Michls vom Glocknereck in einer Felsnische dargestellt.

Im Gamsgrubentunnel (Bildquelle Großglockner Hochalpenstraßen AG)

Im letzten und längsten der sechs Tunnels, dem Gamsgrubentunnel, taucht der Wanderer in die geheimnisvolle Welt der Sagen rund um die Entstehung der Pasterze ein. Sie erzählt von einem Ereignis in längst vergangener Zeit, wo am Frauentag ein großer Jahrmarkt mit einer Feldmesse abgehalten wurde und durch den Übermut einiger wohlhabenden Bauern das Schicksal gnadenlos seinen Lauf nahm. Auf einer Länge von 650 m hat die Kärntner Designerin Michaela Fink Installationen aus Stein, Licht, Ton und Malerei errichtet.

Bei sieben interaktiven Stationen wird der Besucher eingeladen, die mystische Welt des Berges zu erleben. Am Ende der sagenhaften Reise durch den Tunnel der Vergangenheit wird er mit einem grandiosen Blick auf die Pasterze und den Großglockner belohnt.

Schautafeln informieren die Wanderer (© Klaus Dapra, Großglockner Hochalpenstraßen AG)

Anschließend an die Stollen führt der Weg am Südwesthang der Freiwand oberhalb der Randmoräne des Pasterzengletschers entlang und erreicht eine Zone kahler Plattenschüsse. Ein Weg zweigt zu der im September 2016 abgerissenen Hofmannshütte ab.

Der Wanderer sieht nun Firndome und Gletscherbrüche, an den Berghängen Felsgrate, tief unten den Pasterzengletscher und gegenüber Österreichs höchsten Gipfel, den Großglockner. Blickt er nach vorne, so sieht er den 3 453 Meter hohen Johannisberg, der sich auf der Grenze Osttirol-Kärnten befindet. Vorbei am Sonderschutzgebiet Gamsgrube, Lebensraum für einige der seltensten Pflanzen in ganz Europa, wird zuletzt sogar der Rand des ewigen Eises, das Wasserfallwinkel Kees erreicht.

Gamsgrubenweg führt auch zur Oberwalder Hütte

Manche schaffen es bis zum Hochalpinzentrum Oberwalder Hütte, das über den bestens markierten alpinen Steig Gamsgrubenweg inklusive kurzem Gletscherübergang in rund 2,5 Stunden auch für Gäste mit weniger alpiner Erfahrung zu erreichen ist (vom Wasserfallwinkel etwa 400 Höhenmeter).

Mehr über Wandermöglichkeiten entlang der Großglockner Hochalpenstraße unter diesem Link auf deren Homepage.

Weitere Bilder von der Großglockner Hochalpenstraße auf meiner Bilderplattform unter diesem Link.

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